117Ammoniumnitrat vergiftete Jagst - Die Giftwerte sinken sehr schnell - 85 Prozent des Schadstoffes abgebaut

 

 

Quelle HSt:

Das Landratsamt Schwäbisch Hall erhebt derweil schwere Vorwürfe gegen den Betreiber der Lobenhäuser Mühle in Kirchberg. Demnach hätten dort keine wassergefährdende Stoffe gelagert werden dürfen. 75 Tonnen Kunstdünger hatten sich bei einem Brand vor zwei Wochen mit Löschwasser vermischt und waren in die Jagst gelangt. Ermittlungen der Polizei haben ergeben, dass das Feuer von einer unbekannten Person absichtlich oder versehentlich gelegt worden war.

Das Landratsamt gab weiter bekannt, dass sich wohl ein Dichtkissen im Löschwasserrückhaltebecken der Mühle für drei bis fünf Minuten gelöst hatte und giftiges Löschwasser ausgetreten sei. Im Landkreis Schwäbisch Hall sind seither rund 20 Tonnen Fische verendet. Der Mühlenbetreiber bestreitet die Vorwürfe. „Es gibt verschiedene Aussagen“, sagte er gegenüber unserer Zeitung. Weiter wollte er sich nicht äußern.

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Das Landratsamt Heilbronn und die Einsatzkräfte hoffen derweil, dass die Jagstfahne mit null Milligramm Ammoniumnitrat pro Liter den Neckar erreichen wird. Der vom Landratsamt Heilbronn veröffentlichte Höchstwert in der Jagst lag am Freitagmittag bei 4,05 Milligramm in Möckmühl. THW und Feuerwehr pumpen nach wie vor Wasser ab und spritzen es zurück in die Jagst. Dadurch soll der Sauerstoffgehalt erhöht und der Ammoniumwert gesenkt werden. Zu Beginn des Unglücks wurden in der Jagst in Unfallnähe Werte von deutlich über 50 Milligramm pro Liter gemessen. Zwischen 0,5 und einem Milligramm pro Liter können für Fische tödlich sein.

Im Hohenlohekreis wurden am Donnerstagmittag alle Einsatzkräfte abgezogen, teilte das Landratsamt mit. Es sei gelungen, 85 Prozent des Schadstoffes abzubauen. Heilbronn begann am Freitag, erste Kräfte und Geräte abzuziehen.

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Aktuelles vom 4.9. 13.15 Uhr

Die Giftbrühe aus dem Chemieunfall an der Jagst verlangsamt sich weiter: Nach neuen Berechnungen wird sie nun erst Montagmittag nahe Bad Wimpfen in den Neckar fließen. Nach Angaben des Landes steigen zudem die Hoffnungen, dass die Chemikalien das Leben im Neckar nicht nachhaltig beeinträchtigen werden. Zunächst waren die Behörden von einem Eintreffen am Wochenende ausgegangen.

Die Konzentration des Gifts war auf dem Weg die Jagst runter immer weiter gesunken. Womöglich habe das Jagst-Wasser bereits an der Mündung wieder „nahezu normale Werte“, hieß es am Freitag im Landkreisamt Heilbronn.
 

Aktuelles vom 4.9. 12:30 Uhr: Großpumpen werden versetzt und abgezogen

Die Ammoniummesswerte an der Kreisgrenze Hohenlohe/Heilbronn sind wieder auf Normalniveau, wie das Landratsamt Heilbronn mitteilt. Der Beginn der Schadstofffahne steht zwischen Möckmühl und Züttlingen.

Auf Grund der Normalwerte im Bereich Jagsthausen werden die dort stationierten Großpumpen der Feuerwehren Heilbronn und Mannheim weiter flussabwärts positioniert. Die beiden Großpumpen an der Landkreisgrenze (Feuerwehren Karlsruhe und Stuttgart) können im Laufe des Tages den Einsatz beenden. Derzeit wird geprüft, welche weiteren Kräfte aus dem Bereich Jagsthausen weiter flussabwärts umgesetzt werden oder sogar ebenfalls den Einsatz beenden können.

Die Zufuhr von Flüssigsauerstoff in Jagsthausen wurde auf Grund der positiven Messwerte dort eingestellt. Eine Aufgabe im Nachgang der Schadstoffwelle ist die Nachbelüftung, die auf Grund des Sauerstoffverbrauchs durch das starke Algenwachstum notwendig ist. Die Nachbelüftung wird voraussichtlich durch örtliche Einsatzkräfte ohne Unterstützung von überörtlichen Einsatzkräften bewerkstelligt. Die Planungen hierzu laufen momentan.

Ammoniummesswerte vom 4.9.2015

  • Jagsthausen, Kreisgrenze Radbrücke 0,033 04:10
  • Jagsthausen, Bücke Friedhof 0,036 04:25
  • Jagsthausen, Wehr 0,047 04:36
  • Jagsthausen, Furt 0,118 04:41
  • Km 39 zw. Jagsthausen und Olnhausen 0,499 04:51
  • Olnhausen, Kanalbrücke 2,05 05:31
  • Biotop Widdern 3,24 05:05
  • Möckmühl, Jagstbrücke 3,52 05:35
  • Züttlingen, Jagstbrücke 0,134 05:50
  • Siglingen, Wehr 0,023 06:00

 

Positive Nachricht für die Jagst: Laut einem ersten Gutachten ist der Fluss nicht ökologisch tot. Entgegen erster Befürchtungen hätten die allermeisten Kleinstlebewesen überlebt, teilte das Landratsamt Schwäbisch Hall am Mittwoch mit.

Auch nach Einschätzung der Fischereiforschungsstelle Langenargen habe der Neckar-Zufluss zwar einen schweren ökologischen Schaden erlitten, der sich langfristig auf die Zusammensetzung der Arten auswirken könne. Strukturell geschädigt sei die Jagst aber nicht. Der Fluss werde „in Zukunft auch sein vorher bekanntes ökologisches Potenzial aufweisen“.   

Der Naturschutzbund wertete dies als „ersten Lichtblick“. Landeschef Andre Baumann warnte aber davor, schnell zur Tagesordnung zurückzukehren: „Der Patient ist noch am Leben, hat aber viele Wunden davon getragen. Ihn jetzt schon zu entlassen, wäre fahrlässig. Er muss unter fachkundiger Beobachtung bleiben.“ Es werde noch Jahre dauern, bis die Jagst wieder eine „ökologische Perle“ sei.

Auch der Landesfischereiverband mahnte an, den offiziellen Schadensbericht des Regierungspräsidiums abzuwarten, der in drei Wochen stehen soll. Der mögliche langfristige Schaden könne jetzt noch gar nicht abzuschätzen sein, warnte Geschäftsstellenleiter Reinhart Sosat. Beim Umweltministerium hieß es, die Entwicklung der Giftwerte aus der Jagst sei zwar seit Tagen positiv, für eine Entwarnung sei es aber noch zu früh. Ebenso wie die Diskussion um mögliche finanzielle Hilfen.   

Selbst am Ort des Unglücks in Kirchberg werde der Fluss schnell wieder Leben zeigen, heißt es im Bericht des Landratsamts.

Die Untersuchung des Stuttgarter Gewässerbiologen Walter Steineck habe ergeben, dass das ökologische Gesamtbild der Jagst unterhalb der Brandstelle dem der unbelasteten Jagst „recht ähnlich“ sei. Mit den Kleinstlebewesen sei die Nahrungsgrundlage für Fische vorhanden, die aber möglicherweise neu angesiedelt werden müssten.